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Published: 7 years ago

Testfahrt E-Scooter BMW C evolution: Leise Ahnung von Zukunft

London während der Stau-Spiele – selbst für Roller gibt es da schwerlich ein Durchkommen. BMW hat den Elektro-Prototypen „C evolution“, der die Megacities wieder flott machen soll, deshalb auf dem platten Land in Kent vorgestellt. moto1203 ist damit gefahren.

Vom zentralen London, der Tower Bridge  etwa, sind es nur 20 Meilen bis nach Biggin Hill in der Grafschaft Kent. Doch an einem normalen Werktag braucht der britische Automobilist dafür gerne über zwei Stunden und ist auch draußen im „Garten Englands“ nicht vor einem sauberen Stau gefeit.

Das ist genau einer der Gründe, warum sich BMW bitter entschlossen Gedanken über die Zukunft der Urbanen Mobilität macht: Wenn gar nichts mehr geht, wer soll dann noch welche Art von Fahrzeugen kaufen? Sind vier Räder nicht etwas viel der bewegten Masse pro Kopf?

Eine Antwort von BMW heißt C evolution und ist der Prototyp eines umweltfreundlichen Elektrorollers. Er soll bei der avisierten Markteinführung 2014 mit dem Komfort und den Fahrleistungen eines konventionellen Maxi-Scooters (bevorzugt natürlich den BMW-Schwestermodellen C 600 und C 650 GT) mithalten, aber null Emissionen haben – vorausgesetzt natürlich, man kauft seinen Strom bei einem Öko-Anbieter.

Jetzt stehen der C evolution in fünffacher, handgefertigter Ausführung draußen in Biggin Hill, wo die Straßen heute einigermaßen frei sind, und sieht schon mal sehr einladend aus: schnittig, freundlich weiß und neongrün – und fahrbereit.

 Ohne Ende Elektrokraft

„Vorsicht,“ sagt Dr. Christian Ebner, „der evolution hat richtig Wums schon aus dem Stand und macht richtig Speed.“ Das beeindruckt, denn Ebner, technischer Projektentwickler beim BMW-E-Scooter, sollte sich aus seiner Zeit beim Formel-1-Team des Konzerns mit Speed eigentlich auskennen.

Doch erst mal passiert gar nichts – zumindest bei der Geräuschkulisse: ohne Verbrenner kein Sound, kein Pötter-Pött; selbst auf eine rasselnde Kette haben die BMW-Entwickler verzichtet. Angetrieben wird das Testfahrzeug von einem ruhigen Riemen; es rollt auf Feelgreen-Reifen von Metzeler, die auf niedrigsten Rollwiderstand und Energieverbrauch getrimmt wurden. Die ersten Meter mit dem C evolution sind quasi im akustischen Tarnkappen-Modus und vollkommen irritierend.

Auch der Dreh am „Gas“-Griff trägt zur Verwirrung bei, vor allem bei Fahrern, die vom Motorrad kommen. Der klassische Lehrsatz „Kupplung, Schaltung mal Gas gleich Klang und Spaß“  rechnet sich beim getriebe- und kupplungsfreien Roller ohnehin nicht – jetzt, beim E-Scooter, spielt auch Drehzahl keine Rolle mehr. Der Elektromotor gibt seinen vollen Vortrieb schon aus dem Stand ab – und die Beschleunigung ist gewaltig. Beim Ampelstart läßt der Strom-Prototyp den C 600-Roller locker hinter sich.

Verantwortlich dafür ist der luftgekühlte Batterieblock mit etwa 150 Volt angelegter Betriebsspannung. Der Akku aus drei Modulen, die mit Lithium-Ionen-Zellen bestückt sind, hat eine Kapazität von 8 Kilowattstunden – genug eben, um 265 Kilogramm Gewicht aus dem Stand nach vorn zu katapultieren. Dafür hat der E-Roller nur eine maximale Fahrdistanz von 100 Kilometern bis zur nächsten Ladung und eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h.

„Sicher könnten wir noch eine etwas höhere Geschwindigkeit rauskitzeln, aber das war nicht unsere Priorität“, sagt Christian Ebner. „Wir haben bewusst gesagt, das soll ein großes Commuter-Fahrzeug für die Berufspendler rein und raus aus der Stadt und kurze Ausflüge werden. Wir wollten nicht dem Reiseroller Konkurrenz machen.“

Großkonzept-Fahrzeuge

Der neue Chef von BMW Motorrad, Stephan Schaller, der seit zwei Monaten im Amt ist, erklärt das ähnlich: „Was wir heute aus der Motorrad-Sparte vorstellen, spiegelt die Strategie der BMW Gruppe wieder – wir gehen verstärkt in den zusätzlichen Bereich E-Antriebe, sowohl im Zweirad- als auch im Vierradbereich.“

Von diesem mit Pomp avisierten Vierrad-Baukastensystem profitiert der E-Roller  immens. Aus dem angekündigten Elektrokleinwagen i3 stammen die Akkublöcke des C evolution, die im Gehäuse das zentrale, tragende Element des Rollers sind; mit dem Block  sind der Vorbau mit der Gabel und hinten die Schwinge mit einem Federbein verschraubt. Der flüssigkeitsgekühlte Motor ist als Teil der so genannten „Triebsatzschwinge“ zwischen die Schwingendrehpunkte platziert wird. 

Subventionierter Fahrplan

Dass der Markt noch bis 2014 auf den BMW E-Roller warten soll, leuchtet nach den ersten Fahrkilometern nicht ein. Der weiß-grüne Stromling schlängelt sich extrem artig über die verwinkelten englischen Landstrassen und ist kinderleicht zu dirigieren; Fahrwerk und Bremsen sind dem ersten Eindruck nach in einem fast serienfertigen Zustand.

Auch in Sachen Steuerungselektronik sind Ebner und sein Entwicklerteam offensichtlich schon sehr, sehr weit. Wenn der Roller im Schubbetrieb läuft oder abgebremst wird, können bis zu 20 Prozent der kinetischen Energie zurück gewonnen und gespeichert werden. Auch von den großen Schwachpunkten anderen E-Bikes – der ruckeligen Kraftabgabe bei langsamer Fahrt und der teigigen Reaktion bei voller Kraft voraus – ist beim C evolution fast  nichts mehr zu spüren. Hey, ich würde den Prototyp so nehmen, wie er hier steht und geht. 

„Ja, da müssen sie sich leider gedulden,“ bedeutet mir Stephan Schaller, und erklärt die Gründe. Dahinter steckt das Konzern-Konzept „Neue Städtische Mobilität“, dessen neuer Fuhrpark BMW ab Ende 2013 mit dem Elektrokleinwagen i3 und wenig später mit dem Sportwagen i8 bestücken will. 2014 wird der E-Scooter dazwischen gequetscht: „Abgesehen davon, jeder Hersteller braucht etwa achtzehn Monate Vorlaufzeit für Einkauf und Fertigung, bevor ein Prototyp in Stückzahl vom Band läuft,“ sagt Stephan Schaller.

Vielleicht kommt die Wartezeit ja auch dem Käufer zugute. Mit jedem Quartal und steigender, verbauter Stückzahl sinken die Preise für den großen Kostenfaktor Batterie – doch Interessenten sollten sich schon einmal auf den schwierigen Firmenspagat zwischen Deckung der Entwicklungskosten und Bezahlbarkeit für den Endkunden einrichten.

BMW weiß sehr wohl, dass sich der C evolution beim Start nicht rechnen wird. Doch verschenken will man in München auch nichts: Der vergleichbare C 650 GT aus dem gleichen Hause kostet unterm Strich über 12.000 Euro – ohne den zu erwartenden Avantgarde-Gutmensch-Zuschlag für die elektrifizierte Zukunft.

One Comment.
  1. Jasmin says:

    Danke für den informativen Beitrag – ich finde, die Maschine sieht noch ein wenig gewöhnungsbedürftig aus. Aber ich bin gespannt, was aus der ganzen “Elektro-Sache” noch wird.

    VG

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