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Published: 1 year ago

Longread: Männer mit Mission

Ob eine Brough oder seltene Böhmerland-Tourenmaschinen – das britische Auktionshaus Bonhams gilt als Spezialist, wenn es um den Verkauf von historischen Motorrädern geht. Vor ein paar Jahren habe ich mich auf einer Bonhams Auktion in London umgesehen, als 300 Motorräder der Ehn-Collection unter den Hammer kamen.

Malcolm Barber hat seit 17 Jahren keinen richtigen Hammer mehr. Damals, an seinem 40. Geburtstag, schenkte ihm seine Frau ein rotes Samtbeutelchen, in dem er zu seiner großen Freude einen handlichen Stempel fand.

Der Stempel hat einen festen Körper mit einer planen, spiegelblanken Grundfläche und eine etwas schmalere, etwa sechs Zentimeter messende Griffrosette. Der Stempel war eigens für den Jubilar von einem Londoner Handwerker aus dem Stoßzahn eines alten afrikanischen Elefanten gedrechselt worden. Er produziert, wenn Barber ihn auf einen Holztisch schmettert, einen sonoren, raumfüllenden Klang: “Tock!”

Barber ist der Amerika-Chef des Auktionshauses Bonhams 1793 Limited und ausgewiesener Spezialist für schöne Dinge. Aus New York ist er eingeflogen, um im Londoner Royal Air Force-Museum die Versteigerung von rund 300 historischen Maschinen aus dem Besitz des österreichischen Sammlers Fritz Ehn zu leiten. Die “Ehn Collection” ist die größte Zweirad-Einzelsammlung, die bislang unter den Hammer kam. So etwas lässt sich Barber, der selbst seit Urzeiten Motorrad fährt, nicht nehmen.

Jetzt thront der wohlbeleibte Lebemann mit dem elegantem Stoppelbart hinterm Auktionspult und lässt seinen Elfenbein-Stempel aufs Holz tocken. Er ruft die einzelnen Angebote mit der Autorität eines anglikanischen Geistlichen von der hohen Kanzel aus: “Lot 269, eine Böhmerland Langtouren. Seriennummer der Maschine ist 502, Baujahr 1927. Ein seltenes Angebot mit Echtheitszertifikat des Tschechischen Nationalmuseums in Brünn. Mindestgebot 18.000 Pfund. Wir gehen bei diesem Prachtexemplar in Tausenderschritten voran. 18.000 Pfund, welcher der Herren möchte bieten?”

Frauen sammeln keine Motorräder

Das zweihundertköpfige Publikum besteht bis auf wenige Ausnahmen aus Männern. Frauen sammeln keine Motorräder. Barber hat seine versammelte Gemeinde fest im Blick; die Bildschirmeinblendungen mit aktuellem Preis, Katalognummer und Bild steuert ein Helfer. Ein Augenkontakt hier, ein Fingerzeig dort, von hinten kommt ein leichtes, nur angedeutetes Signal einer Hand oder das leichte Wedeln eines “Paddle”, einer der Nummernscheiben für registrierte Bieter. “19.000, der Herr dort hinten links, Danke. 20.000, hier links vorne, Danke. 21.000, Danke. Was sagen die Telefonbieter?”

Unterhalb von Barber sitzen vier Mitarbeiter von Bonhams; sie sind mit Interessenten aus aller Welt verbunden. Bei 25.000 Pfund sind alle Telefonbieter ausgestiegen. “28.000. Ist das wirklich das letzte Gebot? 28.000 für die Böhmerland?” Barbers Stempel saust ohne Zaudern aufs Holz. Fritz Ehn besitzt ein Motorrad weniger, aber ist um 28.000 Pfund reicher. Weiter geht’s mit dem nächsten Lot.

Die Böhmerland Langtouren, ausgeliefert mit einem luftgekühlten 600-Kubik-Einzylinder-Viertaktmotor, war 1925 eine Sensation auf dem Motorradmarkt. Als erste Maschine konnte sie einen leichten Rohrrahmen und Felgen aus geschmiedetem Aluminium vorweisen und bot bis dato ungeahnten Reisekomfort und Unmengen Stauraum – mit Sitzplatz für drei Passagiere. Die Böhmerland war genau das Stück, das Giovanni Cabassi haben wollte und eben für 28.000 Pfund bekommen hat. Der Italiener ist ein hagerer, von der Sonne gegerbter Hüne mit grauem, akkuratem Millimeterhaarschnitt und einer Lederjacke, die “Teuer!” schreit. Cabassi hat wegen der Versteigerung der Ehn Collection seinen Urlaub auf Sardinien für ein paar Tage unterbrochen.

“Die Böhmerland war mir maximal 30.000 Pfund wert”, sagt Cabassi, “bei dem Preis wäre ich ausgestiegen.” Cabassi ist ein Bieter mit kühlem Kopf. Er vertritt eine Investorengruppe aus Norditalien, die nach einer erfolgreichen Motorradausstellung in Mailand derzeit eine Wanderschau mit exotischen Zweirädern konzipiert. Nächstes Jahr soll sie auf die Reise durch die Provinzen zwischen Bozen und Palermo gehen. “Nach unserem Business-Plan schreibt eine Wanderausstellung im dritten Jahr schwarze Zahlen.” Nach London ist er mit einem offenen Scheckbuch gereist; am Ende des Tages hat er die Wunschliste seines Kurators abgearbeitet und knapp 110.000 Pfund unter anderem in die Böhmerland, eine Vincent Black Shadow und eine NSU Supermax Rennmaschine von 1957 investiert.

Der Suzuki RG500 verfallen

Martin Jones schaut nicht aus, als ob er 110.000 Pfund locker hätte. Sein Haarschnitt erinnert an einen Mop; der Londoner Innenausstatter trägt ausgebeulte Jeans und ein “Silverstone Grand-Prix”-T-Shirt, das über den Hüften ziemlich spannt. Aber Jones hat eine Obsession: “Die Suzuki RG500 – frag mich nicht warum, aber ich liebe diese Maschine. Sie war zu ihrer Zeit das finale Renngerät und irgendwann bin ich ihr verfallen. Jetzt muss ich sie einfach haben.”

Jones hat drei RG500 zu Hause in der Garage, aber schon bevor Malcolm Barber seine Maschine aufruft, ist sich Jones sicher, dass heute Nummer vier dazu kommt: “Lot 358. Die Ex-Toni-Mang 1977er Suzuki RG500, Rahmennummer M1131 XR1411. Meine Herren, Mindestgebot 9000 Pfund.” Innerhalb von drei Minuten ist der Preis auf 17.300 Pfund hochgeschnellt, dann werden die Gebote langsam spärlich. Barber fragt: “Wir gehen auf 50 Pfund-Schritte runter, würde das helfen, meine Herren?”

Es hilft. Und Jones hält unbeirrt mit; bei 17.650 Pfund erhält er den Zuschlag: “Tock!”. Die Maschine, mit der der Bayer Toni Mang Anfang der achtziger Jahre Rennläufe der Deutschen Meisterschaft bestritt, geht an ihn. Sein Baby, sein Glück; Jones wird von zwei Kumpanen beglückwünscht und lächelt so versonnen, als hätte er von Barber gerade die heilige Kommunion empfangen. Nach dreißig Jahren als Auktionator erkennt Barber emotionale Bieter wie Jones auf den ersten Blick: “Sie kommen kurz, bevor ihre Maschine aufgerufen wird. Und manchmal sind sie einfach nicht zu stoppen. Wenn zwei von ihnen aufeinander treffen, dann ist das Kampfbieten nicht mehr aufzuhalten.”

Der Tscheche Evzen Majoros ist ein anderes Kaliber. Der Oldtimer-Händler aus Prag ist Mitte Dreißig; er trägt eine Goldrandbrille und ein schwarzes Muscle-Shirt unter edlem Nadelstreifen. Seine Haare trägt er einen Deut zu lang; der Rock seiner blonden Begleiterin ist einen Tick zu kurz.

Majoros könnte als Bösewicht in einem James-Bond-Film durchgehen und ist ein Auktionsprofi. Kurz bevor das Lot, an dem er interessiert ist, aufgerufen wird, verlässt er seinen reservierten Sitzplatz in der vierten Reihe, lehnt sich an die Wand. Majoros will den Raum überblicken, keinen anderen Bieter im Rücken haben, und vor allem sehen, gegen wen er bietet: Ist es ein hemmungsloser Liebhaber oder ein Händler wie er selbst? Also jemanden, der ein Limit hat, welches er emotionslos einhält? Jemand, den er einschätzen kann?

Barber kennt Majoros von einigen anderen Auktionen; wie üblich hat der Tscheche ein Einstiegsgebot vorab übermittelt. “Lot 324, die 1931er Jawa Rumpal. 500 Kubik, vollständig restauriert und seitdem nur drei Kilometer gelaufen. Wir haben ein Einstiegsgebot von 3000 Pfund. Meine Herren, wer bietet mehr?” Majoros Blick schweift über die Sitzreihen und den Pulk, der sich inzwischen dahinter gebildet hat. Von einem österreichischen Sammler, einem Spezi von Fritz Ehn, kommen zwei halbherzige Gebote; auch Andy Tiernan, ein bekannter britischer Händler, hält mit.

Doch wie es scheint, hat Tiernan, der immer um die fünfzig Oldtimer im Angebot hat, diesmal keinen festen Abnehmer. Bei 6500 Pfund steigt er aus. Barber blickt zu Majoros: “Madrid ist ausgestiegen. 7000 Pfund hier im Raum. Haben wir mehr als 7000 Pfund?” Die Frage verklingt im Raum: Nein. Barbers Auktionsstempel verkündet das Ergebnis für den seltenen tschechischen Einzylinder, von dem nur rund tausend Stück gebaut wurden. Majoros schlendert an seinen Sitz zurück. Seine Arbeit ist getan. Später am Bonhams-Tresen, an dem viele Beträge bar eingezahlt werden, deutet er an, dass sein Limit nahezu ausgeschöpft war. Viel höher wäre er nicht gegangen für den Sammler, in dessen Auftrag und mit dessen Geld er geboten hat.

Nach vier Stunden hat der Elfenbeinstempel 300-mal getockt: Rare Sammlerstücke wie eine Neander P3 1 mit dem cadmiumbeschichteten Rahmen, eine Ardie Silberpfeil, wie neu aus dem Laden restauriert, mehrere voluminöse Vincents und schnelle Broughs – mit einer dieser Maschinen hat sich T.E. Lawrence auf einer englischen Landstraße zu Tode gebracht, nachdem er “Lawrence von Arabien” fertig geschrieben hatte – haben neue Besitzer gefunden. Das teuerste Stück des Tages ist eine Laurin & Clement V-Twin von 1904 für 34.000 Pfund, eine Art Rennfahrrad mit Riemenantrieb und Sputnik-förmigem Messingtank.

450 Pfund für einen rostigen Tank

Andere Lots haben ausschließlich Wert für Bastler und für die echten Exoten auch unter den Sammlern: Der verrostete Rahmen einer alten deutschen Rex samt Teilekiste erzielt immerhin noch 450 Pfund und ist jetzt Garant für lange Stunden an der Werkbank. “Es gibt eigentlich nichts, für das sich nicht doch ein Liebhaber finden ließe,” sagt Malcolm Barber. Er hat vier Stunden lang ununterbrochen Motorräder aufgerufen, ein wenig geschwitzt, die Bieter mit kurzen Anekdoten bei Laune gehalten und die Preise im Interesse von Fritz Ehn und Bonhams hochgetrieben. Auf den “Hammerpreis” bis 30.000 Pfund berechnet das Auktionshaus von jedem Erwerber zusätzlich fünfzehn Prozent Aufschlag – bei 1,1 Millionen Pfund Gesamterlös ein netter Gewinn.

Fritz Ehn, der die Auktion von Reihe eins aus verfolgt hat, ist erleichtert. “Wissen Sie, wenn man sich auf einen Schlag von Stücken trennt, die man über die Jahre aufgespürt und ausgestellt hat, dann rumort der Schmerz schon tief in der Magengrube,” sagt der Österreicher, der 1980 das Motorradmuseum Eggenburg bei Wien gründete, und dort jetzt trotz Massenverkaufs immer noch 200 Maschinen ausstellt. “Da hilft es schon,” lacht er, “wenn man zumindest einen guten Preis erzielt zum Abschied.”

Zum Abschied? Der ist allenfalls halbherzig. Ein pathologischer Sammler wie Ehn hört niemals ganz auf. Er hat bereits angekündigt, mit dem Großteil der Bonhams-Erlöse auf die Jagd nach alten Traktoren gehen zu wollen: “Die sind gemütlicher, wohl wahr. Aber auch ganz, ganz spannend.”

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